B 2 – Ordnungs­konzepte in der Architekturlehre. Wissens­vermittlung und Visualisierungs­strategien
Bauschule Koblenz, Gruppenportrait der Bauklasse, Postkarte um 1948, Fotograf Georg Tonger (Archiv Christiane Salge)

BEREICH B – Ordnen als Erkennen

B 2 – Ordnungs­konzepte in der Architekturlehre. Wissens­vermittlung und Visualisierungs­strategien

Christina Clausen, Daniela Grotz, Christiane Salge

Fachbereich Architektur der Technischen Universität Darmstadt

 

Mit der Institutionalisierung der Architektenausbildung zunächst ab 1700 an den Kunstakademien, ab 1800 an den polytechnischen Instituten und seit 1850 an den Technischen Hochschulen musste das Architekturwissen für die immer größer werdende Anzahl an Schülern geordnet und didaktisch aufbereitet werden. Im Mittelpunkt des Teilprojektes steht daher die Frage, wie in der akademischen Architektenausbildung die vielfältigen und sich stetig erweiternden Wissensbestände mithilfe von Lehrbüchern und Lehrsammlungen strukturiert und vermittelt werden. In einem weiteren Schritt wird zu fragen sein, welche Auswirkung die damit einhergehende Kanonisierung von Architekturwissen auf den Entwurfsprozess, die gebaute Umwelt und die Ordnungsvorstellungen der Gesellschaft hat. Durch die vergleichende Analyse verschiedener Lehrmedien und Lehrkonzepte werden diese Ansätze innerhalb eines Forschungsprojektes von Prof. Dr. Christiane Salge und zwei Dissertations-projekten von Christina Clausen und Daniela Grotz aus unterschiedlichen Perspektiven untersucht:

Das Forschungsvorhaben von Prof. Dr. Christiane Salge wird sich mit der Frage nach der Rolle der akademischen Lehrsammlungen in Berlin, München und Wien für die Ausbildung eines architektonischen Kanons im 18./19. Jahrhundert beschäftigen und untersucht den Einfluss, den diese Konstituierung von Wissen auf den Entwurfsprozess der Architekten hatte.

Christina Clausen befasst sich in ihrem Dissertationsprojekt „Die Mobilität von Architekturmedien. Lern- und Lehrmittel der Architekturgeschichte und ihre Vermittlungsstrategien von 1750 bis 1850“ (Arbeitstitel) mit Formprozessen und medialen Übergängen zwischen Modellen, Zeichnungen, Stichen und Gemälden. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht dabei die bildmediale Vermittlung der noch im Entstehen begriffenen Architekturgeschichte, die gerade zu Beginn von den individuellen Interessen der Lehrer sowie den repräsentativen Bedürfnissen der neuen staatlichen Institutionen geprägt sind; gleichzeitig aber auch die architekturhistorische Kanonisierung und die Entstehung neuer Wissensordnungen mitgestalten.

Das Dissertationsprojekt von Daniela Grotz untersucht Formen der Entwurfslehre im 20. Jahrhundert. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei dem Begriff der „Schule“ gewidmet. Dieser soll als methodischer Zugang dienen, um an ausgewählten Fallbeispielen die vielschichtige Wechselbeziehung zwischen Institution, Theorie, Lehre und Praxis darzustellen. Der Begriff wird außerdem als spezifische Ordnungspraktik aufgefasst, mittels derer ein Bezugsrahmen innerhalb des dynamischen inner-, transdisziplinären wie auch sozio-kulturellen Kräftefelds konstruiert wird.

Unter Mitwirkung des Teilprojekts wird 2021 eine Ringvorlesung unter dem Titel „Gebaute Ordnung“, ein Workshop zu „Wissensordnungen in der Architekturtheorie“ sowie 2022 eine Ausstellung zu architektonischen Lehrsammlungen stattfinden.

 

Bereits erschienene Veröffentlichungen zum Projektthema (Auswahl):

Clausen, Christina: „Malerische Architekturvisionen. Bildmediale Strategien der architekturhistorischen Lehre an der Royal Academy in London“, in: Vom Baumeister zum Master. Formen der Architekturlehre vom 19. bis ins 21. Jahrhundert, hrsg. von Carola Ebert, Eva Maria Froschauer und Christiane Salge, Forum Architekturwissenschaft, Band 3, Berlin: Universitätsverlag der TU Berlin, 2019, S. 234-254.

Clausen, Christina: „Eine „lebhafte Idee“ vom Glauben. Die Verwendung von Architekturmodellen für die religiöse Erziehung im frühen 18. Jahrhundert“, in: Ordnen – Vernetzen – Vermitteln. Kunst und Naturalienkammern der Frühen Neuzeit als Lehr- und Lernorte, hrsg. von Eva Dolezel, Rainer Godel, Andreas Pečar und Holger Zaunstöck, Halle 2018 [Acta Historica Leopoldina 70], Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 2018, S. 383-414.

Salge, Christiane: „Matrikelbücher, Schülertabellen und Seminarlisten. Wichtige Quellen zur Erforschung der Architektenausbildung an der Berliner Bauakademie 1799-1806“, in: Vom Baumeister zum Master. Formen der Architekturlehre vom 19. bis ins 21. Jahrhundert, hrsg. von Carola Ebert, Eva Maria Froschauer und Christiane Salge, Forum Architekturwissenschaft, Band 3, Berlin: Universitätsverlag der TU Berlin, 2019, S. 214-233.

Salge, Christiane: „Visualisierungsstrategien in der Architekturzeichnung um 1800. Friedrich Gilly und sein Entwurf für ein Theater in Stettin“, in: Gilly – Weinbrenner – Schinkel. Baukunst auf Papier zwischen Gotik und Klassizismus, hrsg. von Marion Hilliges und Christian Scholl, Göttingen: Universitätsverlag Göttingen, 2016, S. 15-21.

Salge, Christiane: „Ästhetik versus Wissenschaft. Die Entwurfsausbildung an der Bauakademie in Berlin (um 1800)“, in: Wissenschaft entwerfen. Vom forschenden Entwerfen zur Entwurfsforschung der Architektur, hrsg. von Sabine Ammon und Eva Maria Froschauer, Paderborn: Fink: 2013, S. 385-414.