Jahresthemen

2020: Architektur als Metapher

Sowohl in unserem allgemeinen Sprachgebrauch aber auch in verschiedensten professionellen Kontexten, greifen wir vielfach auf architektonische Metaphern zurück. Jedoch registrieren wir diesen Bezug wenn überhaupt nur beiläufig, wenn wir etwa über Softwarearchitekten, Gedankengebäude, Stützen der Gesellschaft und Gehirnarchitektur sprechen oder die Fassade erwähnen, die eine Person vor sich herträgt. Andersherum sind Metaphern vielfach in der Architektur und Urbanistik vorzufinden, wo sie für die Entwicklung von Entwurfskonzepten herangezogen, gleichzeitig aber auch als ein nützliches Medium angesehen werden, um die Besonderheiten von Entwürfen zu kommunizieren, diskutieren oder evaluieren. Beispiele reichen von kristallinen Gebäuden bis zum Gewebe einer Stadt, umfassen aber auch die bekannte Beschreibung Le Corbusiers von Häusern als ‚Wohnmaschinen.’

Der Schwerpunkt folgt keinem engen Metaphernverständnis im linguistischen Sinn. Der Fokus liegt vielmehr auf der Erkundung von Metaphern als produktive Mediatoren in Prozessen des Wissenstransfers zwischen architektonischen und alltäglichen Wissensbeständen aber auch zwischen Architektur und anderen professionellen Diskursen mit dem Ziel, einen Beitrag zu einer breiter angelegten Untersuchung von Architektur als kultureller Ordnungspraxis zu leisten.

Wir sehen Metaphern als eine Zugangsmöglichkeit die Bedeutung von Architektur in gesellschaftlichen Ordnungsprozessen näher zu beleuchten und folgen dabei der Grundannahme, dass Metaphern in epistemologische Denk- und Produktionsprozesse eingreifen. Metaphern konstituieren sich durch die Inkongruenz eines Begriffes zu der gängigen Terminologie des Kontextes, in dem er gebraucht wird. Sie spannen so einen Raum kontinuierlicher Re-Interpretation auf. Der Sinn einer Metapher oszilliert damit zwischen dem Wissensbestand aus dem eine Metapher entstammt und dem, in welchem sie genutzt wird. Uns interessiert dabei nicht nur die Beziehung zwischen verschiedenen Wissensbereichen und -formen, die Metaphern herzustellen vermögen und wie sich diese in Bezug auf Architektur darstellen. Indem sie Wissensbestände aus einem Bereich in einen anderen einführen, können auch die mit diesem Wissen verbundenen gesellschaftlichen oder disziplinären Hierarchien, Normen und Protokolle übertragen und verfestigt werden. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, in welcher Art und Weise Architektur als Ordnungspraxis in Wechselwirkung mit gesellschaftlichen und disziplinären Strukturen, Ordnungen und Wissensbeständen steht.

Das erste Projektjahr endet mit der interdisziplinären Konferenz „Architektur_Metapher“, die am 6-7 November 2020 in Frankfurt am Main stattfinden wird.

Weitere Informationen: Link zur Konferenz-Homepage

2021: Gebaute Ordnung

Das zweite Projektjahr wird sich mit der Manifestation und Modulation von Ordnungskonzepten im Gebauten beschäftigen. Ausgehend von der Beobachtung, dass sich in Archiven, Bibliotheken und Universitäten Wissensordnungen materialisieren, soll untersucht werden, inwiefern die konkrete architektonische Rahmung auf Organisations- oder Wissensstrukturen zurückwirkt. Hierfür zentral ist die Feststellung, dass Architektur Wissen räumlich konfiguriert und damit wesentlichen Anteil an der Modulierung, Durchsetzung, Kanonisierung und Institutionalisierung epistemischer Modelle hat.

Für 2021 ist eine öffentliche Ringvorlesung mit dem Arbeitstitel „Gebaute Ordnung. Architektonische Konfigurationen von Wissen“ geplant.

2022: Ordnung Entwerfen

Das dritte Projektjahr beschäftigt sich mit Fragen nach der Bedeutung des Entwerfens sowohl als Indikator für die Wirksamkeit von Ordnungskonzepten als auch als Prozess ihrer Hervorbringung. In gemeinsamen Veranstaltungen soll die These überprüft werden, ob dem architektonischen Entwerfen eine Schlüsselfunktion für die Analyse wissenschaftlich-gesellschaftlicher Ordnungspraktiken an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Erfahrungswissen zukommt.

Für 2022 ist eine Ringvorlesung mit dem Arbeitstitel „Ordnung Entwerfen – Entwurf Ordnen“ geplant. Darunter sollen Vorträge von namenhaften hessischen und internationalen Architektur- und Ingenieurbüros sein, in denen diese ihre aktuellen Architekturentwürfe in Bezug auf die Herstellung von Ordnung(en) präsentieren. Mit diesem Format erfolgt zum einen eine Sammlung zeitgenössischer architektonischer Ordnungspraktiken, zum anderen wird die Öffentlichkeit über aktuelle Bauprojekte informiert.

2023: Ordnung/Unordnung

Das vierte Projektjahr dient der vorläufigen Präzisierung der gewonnenen Erkenntnisse sowie der Diskussion weiterführender Fragestellungen, die in Folgeprojekten im Mittelpunkt stehen sollen. Erreicht werden soll dies durch die polarisierende Gegenüberstellung von Figuren der Ordnung und der Unordnung. So treten doch Ordnungsstrukturen häufig erst dann sichtbar in Erscheinung, wenn sie mit ihrer Kritik, Dekonstruktion oder strategischen Subversion kontrastiert werden. Die im Projekt angestrebte Konzeptionierung des Architekturbegriffs als ein Mechanismus zum besseren Verständnis von gesellschaftlichen Ordnungspraktiken soll damit in überzeugender Weise konturiert
werden.

Für 2023 ist eine abschließende internationale Tagung mit dem Arbeitstitel „The Architecture of (Dis)Order: Plan or Chaos“ geplant.

Jahresthemen
Toshiba-IHI Pavilion, Osaka Expo'70. April 1970. Photograph by takato marui – originally posted to Flickr as Toshiba-IHI Pavilion, CC BY-SA 2.0.