Jahresthemen

2022: Ordnung Entwerfen

Das Jahresthema widmet sich dem architektonischen Entwurfsprozess in seiner zeitgenössischen Relevanz und historischen Vielgestaltigkeit, wobei sowohl die ihn strukturierenden Ordnungskonzepte als auch die durch ihn hergestellten neuen Vorstellungen von Ordnung im Zentrum des Interesses stehen. Das architektonische Entwerfen wird dabei als ein von Erfahrungen und Werten, von praktischen, technischen, sozialen und rechtlichen Rahmenbedingungen geprägter Prozess verstanden. Jeder Entwurf imaginiert Zukunft und stellt einen Versuch dar, eine neue räumliche – und damit zumeist auch soziale – Ordnung hervorzubringen. Dieser projektive Zugriff auf noch Unbekanntes und Ungedachtes basiert stets auf planerischen Konventionen, baulichen Standards, rechtlichen Vorgaben und etablierten architektonischen, urbanistischen und gesellschaftlichen Vorstellungen, die im Entwurfsprozess zueinander ins Verhältnis gesetzt, überdacht und dynamisiert werden. In welcher Weise strukturiert nun das Entwerfen die Interaktion dieser verschiedenen und heterogenen Faktoren? Welche Rolle spielen die ökonomischen und politischen Bedingungen bzw. Normen und welche die Werkzeuge oder Medien des Entwerfens? Und schließlich: Inwieweit kommt dem architektonischen Entwurfsprozess eine Schlüsselfunktion für die Analyse gesellschaftlicher Ordnungspraktiken zu?

Die zunehmende Digitalisierung und die sich mit ihr vollziehenden technologischen Neuerungen haben in den letzten Jahrzehnten zu weitreichenden Transformationen architektonischer Entwurfsprozesse beigetragen. Krisen wie die globale Pandemie oder die Klimakrise verändern aktuell das Zusammenleben und den Umgang mit (räumlichen) Ressourcen; ob und – wenn ja – wie sie zu einem neuen architektonischen Denken und Entwerfen anregen, wird zu klären sein.

Das Jahresthema für 2022 „Ordnung Entwerfen“ ist in zwei Themenschwerpunkte gegliedert und wird von einer vertiefenden Ringvorlesung mit Gesprächsrunden sowie einem Workshop begleitet. Während sich das erste Halbjahr der Frage widmet „Wie kommt Ordnung in den Entwurfsprozess?”, nimmt das zweite Halbjahr das Wechselverhältnis von Entwurfs-prozessen und ihren spezifischen Entwurfsgegenständen in den Blick.

2023: Ordnung/Unordnung

Das vierte Projektjahr dient der vorläufigen Präzisierung der gewonnenen Erkenntnisse sowie der Diskussion weiterführender Fragestellungen, die in Folgeprojekten im Mittelpunkt stehen sollen. Erreicht werden soll dies durch die polarisierende Gegenüberstellung von Figuren der Ordnung und der Unordnung. So treten doch Ordnungsstrukturen häufig erst dann sichtbar in Erscheinung, wenn sie mit ihrer Kritik, Dekonstruktion oder strategischen Subversion kontrastiert werden. Die im Projekt angestrebte Konzeptionierung des Architekturbegriffs als ein Mechanismus zum besseren Verständnis von gesellschaftlichen Ordnungspraktiken soll damit in überzeugender Weise konturiert
werden.

Für 2023 ist eine abschließende internationale Tagung mit dem Arbeitstitel „The Architecture of (Dis)Order: Plan or Chaos“ geplant.

2020: Architektur als Metapher

Sowohl in unserem allgemeinen Sprachgebrauch aber auch in verschiedensten professionellen Kontexten, greifen wir vielfach auf architektonische Metaphern zurück. Jedoch registrieren wir diesen Bezug wenn überhaupt nur beiläufig, wenn wir etwa über Softwarearchitekten, Gedankengebäude, Stützen der Gesellschaft und Gehirnarchitektur sprechen oder die Fassade erwähnen, die eine Person vor sich herträgt. Andersherum sind Metaphern vielfach in der Architektur und Urbanistik vorzufinden, wo sie für die Entwicklung von Entwurfskonzepten herangezogen, gleichzeitig aber auch als ein nützliches Medium angesehen werden, um die Besonderheiten von Entwürfen zu kommunizieren, diskutieren oder evaluieren. Beispiele reichen von kristallinen Gebäuden bis zum Gewebe einer Stadt, umfassen aber auch die bekannte Beschreibung Le Corbusiers von Häusern als ‚Wohnmaschinen.’

Der Schwerpunkt folgt keinem engen Metaphernverständnis im linguistischen Sinn. Der Fokus liegt vielmehr auf der Erkundung von Metaphern als produktive Mediatoren in Prozessen des Wissenstransfers zwischen architektonischen und alltäglichen Wissensbeständen aber auch zwischen Architektur und anderen professionellen Diskursen mit dem Ziel, einen Beitrag zu einer breiter angelegten Untersuchung von Architektur als kultureller Ordnungspraxis zu leisten.

Wir sehen Metaphern als eine Zugangsmöglichkeit die Bedeutung von Architektur in gesellschaftlichen Ordnungsprozessen näher zu beleuchten und folgen dabei der Grundannahme, dass Metaphern in epistemologische Denk- und Produktionsprozesse eingreifen. Metaphern konstituieren sich durch die Inkongruenz eines Begriffes zu der gängigen Terminologie des Kontextes, in dem er gebraucht wird. Sie spannen so einen Raum kontinuierlicher Re-Interpretation auf. Der Sinn einer Metapher oszilliert damit zwischen dem Wissensbestand aus dem eine Metapher entstammt und dem, in welchem sie genutzt wird. Uns interessiert dabei nicht nur die Beziehung zwischen verschiedenen Wissensbereichen und -formen, die Metaphern herzustellen vermögen und wie sich diese in Bezug auf Architektur darstellen. Indem sie Wissensbestände aus einem Bereich in einen anderen einführen, können auch die mit diesem Wissen verbundenen gesellschaftlichen oder disziplinären Hierarchien, Normen und Protokolle übertragen und verfestigt werden. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, in welcher Art und Weise Architektur als Ordnungspraxis in Wechselwirkung mit gesellschaftlichen und disziplinären Strukturen, Ordnungen und Wissensbeständen steht.

Das erste Projektjahr endete mit der interdisziplinären Konferenz „Architektur_Metapher“, die am 5-7 November 2020 stattgefunden hat.

2021: Gebaute Ordnung

Unser alltägliches Leben wird in nicht unerheblichem Maße von der architektonischen Konfiguration des uns umgebenden Raums beeinflusst. Hierbei handelt es sich jedoch nur selten um das Produkt zufälliger und nicht intendierter Umstände. So müssen sich Architekt_innen, die sich mit der baulichen Gestaltung von Regierungs- und Behördengebäuden, städtischen Räumen, Bibliotheken oder anderen Formen des Gebauten auseinandersetzen, seit jeher nicht nur nach ästhetischen, sondern gleichermaßen nach funktionalen Anforderungen und Bedürfnissen richten, die an die von ihnen entworfenen Bauten und Architekturen gestellt werden. Resultat sind sich architektonisch manifestierende Räume, die unter anderem politisch-soziale Ordnungen und Idealvorstellungen widerspiegeln und konstituieren sollen oder in Hinblick auf spezifische Formen der Machtausübung und Machtsicherung gestaltet werden.

Der LOEWE-Schwerpunkt „Architekturen des Ordnens: Praktiken und Diskurse zwischen Entwerfen und Wissen“ wird sich im Rahmen des Jahresthemas 2021 „Gebaute Ordnung“ in der ersten Jahreshälfte mit verschiedenen Räumen der Macht auseinandersetzen und nach der Wechselbeziehung von architektonischen und räumlichen mit politischen und sozialen Ordnungen sowie kulturellen Praktiken fragen.

Den Ausgangspunkt für die thematische Ausrichtung der zweiten Jahreshälfte „Speicher des Wissens“ bildet die Feststellung, dass Architektur Wissen räumlich konfiguriert und damit wesentlichen Anteil an der Modulierung, Durchsetzung, Kanonisierung und Institutionalisierung epistemischer Modelle hat. Archive, Bibliotheken, Museen und Universitäten können als materialisierte Wissensordnungen aufgefasst werden: das gesammelte, ausgewählte, geordnete, erschlossene und vermittelte Wissen wird räumlich gefasst. Untersucht werden soll, inwiefern die konkrete architektonische Rahmung auf Organisations- oder Wissensstrukturen zurückwirkt.

Den aufgezeigten Themenkomplexen wollen wir uns im Jahr 2021 in unterschiedlichen Veranstaltungsformaten nähern – diese umfassen Vorträge, Podiumsdiskussionen und Workshops – und werden dabei historische und theoretische Perspektiven wie auch solche aus der archivalischen und baulichen Praxis einbeziehen.

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