Befangenes Zeichnen. „Representation bias“ in räumlichen Ordnungen der 1950er bis 1980er Jahre
Werner Oechslin Library Foundation Einsiedeln, Switzerland

Workshop

Befangenes Zeichnen. „Representation bias“ in räumlichen Ordnungen der 1950er bis 1980er Jahre

Der Titel des Workshops unterstellt dem Zeichnen „befangen“ zu sein, das mit der Erfindung des Computers in der Nachkriegszeit traditionelle Muster der räumlichen Ordnung in Frage gestellt und verändert hat. Informationsübertragungen, Kontroll- und Steuerungssysteme der Kybernetik leiten einen Paradigmenwechsel in der Repräsentation des Materiellen ein, der sich Ende der 1980er Jahre durch die Anwendung digitaler Technologien und computergestützter Arbeitsweisen in Architektur und Kunst mit dem Begriff des „digital turns“ festgeschrieben hat.

Die Konkurrenz zwischen sogenannten analogen und digitalen Prozessen spiegelt sich in der Architekturdebatte wieder, die Peter Eisenman und Christopher Alexander an der Graduate School of Design, Harvard University, am 17. November 1982 führten. Beide verorten die Wahl der Werkzeuge und Methoden als eine Suche nach dem “Ordnungssystem der Dinge”, die bis heute ein grundlegendes Spannungsverhältnis in der Systematik des Entwurfsprozesses markiert: Während Eisenman auf traditionelle geometrische Projektionsverfahren zurückgreift, setzt Alexander auf die Synthetisierungsleistung des Computers im Prozess des Erfindens von Dingen, die eine neue Ordnung, Organisation und Form der räumlichen Darstellung mit sich bringt. Lineare Graphen und axonometrische Visualisierungen repräsentieren die neu geordneten und sichtbar gemachten „inneren Strukturen der Dinge“, die nach ästhetischen Kriterien sowohl Elemente einer formalen Sprache als auch ihre Regeln sind.1 Denn eine Gleichzeitigkeit von „Bild und Logik”² spiegelt sich in den grafischen Darstellungen wieder, die nicht nur Resultat veränderter Denkweisen, sondern konkurrierender mimetisch-abbildender und mathematisch-modellierender Techniken sind. Die Diskrepanz beider Verfahren vermag der Computer nur scheinbar zu überwinden. Seitdem Computer Handlungsanweisungen ausführen und die Planung räumlicher Ordnungen gewissermaßen mit halbautomatisierten Verfahren erfolgt, lösen sich traditionelle Darstellungen in Muster und formgebende Daten auf.

Die Hoffnung, mit dem Computer, durch alle Maßstäbe hinweg, in die Komplexität der Welt analytisch vordringen zu können, scheitert gleich zu Beginn der kybernetischen Wissenschaft und entschwindet im geschlossenen System ihrer “black box”.³ Statt wie beabsichtigt die Vorgänge in der Black Box zeigen und erklären zu können, tritt genau das Gegenteil des Erhofften ein: je erfolgreicher Wissenschaft und Technik zusammen arbeiten, desto undurchsichtiger werden die tatsächlichen Vorgänge. Vermutlich trägt diese Erkenntnis auch zu der Debatte bei, die Christopher Alexander mit seinen Experimenten auf Basis mathematischer Anwendungen und dem Computerprogramm HIDECS in den 1960er Jahren ausgelöst hat und die auch heute noch den Diskurs zwischen analogen und digitalen Prozessen begleiten. Die Konfiguration und Neuordnung von Raum ist durch die Autonomie der Algorithmen geprägt, die aufgrund der Effekte des „black-boxing“4 eine Distanz zwischen Akteur und digitalem Artefakt erzeugt. Im Verborgenen bleiben die generativen und abstrakten Vorgänge, Strukturen und Ordnungen, die beim Zeichnen mit dem Computer als Werkzeug visualisiert werden. Das Unsichtbare, primär nicht Darstellbare, erhält eine anschauliche Sichtbarkeit. Hochgradig reduziert legt die computerbasierte Zeichnung Transparenzen der Ordnung und strukturelle Eigenschaften von Raum offen. Damit findet ein signifikanter Paradigmenwechsel der Präsentation statt, den wir mit dem englischen Ausdruck „representation bias“ beschreiben.

Einen frühen Wendepunkt markieren die kybernetischen Ideen von Feedbackschlaufen und Informationsübertragungen, die Norbert Wiener maßstabsübergreifend in einen fiktiven Infrastrukturplan einer US-amerikanischen Stadt einfließen lässt und damit die Möglichkeit eines atomaren Ereignisses und die nötige Vorkehrung für ihre Sicherung, evident darstellt. Ein weltumfassendes und globales Denken zeichnet Buckminster Fuller aus, mit dem er, unter Auferlegung von Minimalprinzipien, seine geometrischen Grundkörper entwickelt. In gezeichneter Form offenbaren sie räumliche Muster, aus denen er neue physikalische Modelle für seine experimentellen Kuppelbauten ableiten kann. Aus der analogen Zeichnung generiert Fuller komplexe Geometrien, die Zaha Hadid und Frank Gehry einige Jahre später unter zu Hilfenahme entwickelter Modellierungs- und CAD-Software (Form*Z und CATIA) in der Lage sind zu bauen. Algorithmen überführen die handgezeichneten, fliegenden expressiven Objekte in ein digitalisiertes Modell und letztendlich in einen Bau. Im Comic Strip nimmt Richard McGuire das sich in den 1980er Jahren etablierende Betriebssystem Microsoft Windows auf und blendet in der perspektivischen Zeichnung sich öffnende „Fenster“ ein. Sie erzählen in der Flashback- und projektiven Schichtung die Zeitgeschichte der Handlung, was zu einem Orientierungsverlust in der traditionellen Raumstruktur des Comic Strips führt.

Mit interdisziplinären Untersuchungsbeispielen nimmt der Workshop den paradigmatischen Wechsel zeichnerischer Repräsentation in den Blick und möchte deren künstlerisch-wissenschaftliche Konzepte der 1950 bis 1980er Jahre ergründen.


1 Stephen Grabow: Christopher Alexander. The Search for a New Paradigm in Architecture, 1983.

2 Peter Galison: Image and Logic. A Material Culture of Microphysis, 1997.

3 W. Ross Ashby: An Introduction to Cybernetics, 1956.

4 Bruno Latour: Pandora’s hope: Essays on the Reality of Science Studies, 1999.

 

Organisator*innen und Referent*innen des LOEWE-Schwerpunkts:

Dr. Chris Dähne, Sina Brückner-Amin und Dr. Szilvia Gellai (Fellow), Nadja Gaudilliere-Jami, Sara Hillnhütter, Prof. Dr. Rembert Hüser und Prof. Dr. Barbara Wittmann