Die Architektur europäischer Karbonisierung: Kohle, Stahl und Kernenergie
Herman Sörgel, Atlantropa, 1932. Quelle: Deutsches Museum, München, Archiv, CD78659.
18 Uhr
Goethe-Universität Frankfurt a.M., Campus Westend, SH 2.105

Vortrag

Die Architektur europäischer Karbonisierung: Kohle, Stahl und Kernenergie

Dennis Pohl

Der Ursprung europäischer Abhängigkeit von Kohle und Kernenergie lässt sich bis zu den architektonischen Entwürfen der Nachkriegszeit und der Energiepolitik der Europäischen Gemeinschaft zurückverfolgen. Seit den 1950er Jahren haben Architekten territoriale, regionale und städtische Entwicklungspläne vorgeschlagen, die der europäischen Energiepolitik dienten. Sie arbeiteten mit der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl zusammen, um die Stahlbauindustrie so effizient zu gestalten wie die Automobilindustrie, und sie haben die Ideen der unendlichen Kernenergie, wie sie von der Europäischen Atomgemeinschaft gefördert wurden, in ihre Entwürfe inkorporiert.

In dem Vortrag geht es darum aufzuzeigen, wie die Architektur der politischen Ökonomie des Nachkriegseuropas diente, um Kohle, Stahl und Radioaktivität in Instrumente der europäischen Governance zu verwandeln. Die architektonische Gestaltung ermöglichte es den EU-Institutionen, sowohl sozial- als auch energiepolitische Ziele in der Kohle- und Stahlindustrie zu unterstützen und einen neuen gesamteuropäischen Lebensstil auf der Grundlage von Kernenergie zu fördern. Mit anderen Worten: Die Architektur trieb Europas größeres infrastrukturelles, wirtschaftliches und kulturelles Netzwerk voran. Dies birgt nicht nur Einsichten darin, wie die Architektur zur Karbonisierung Europas beigetragen hat, sondern hebt auch die damit einhergehende Umweltproblematik hervor, mit der die Architekturkritik und Geschichtsschreibung im Zeitalter des Anthropozäns konfrontiert sind.

Dennis Pohl war im Sommer 2022 Fellow im LOEWE Schwerpunkt „Architekturen des Ordnens“.