Zwischen Allmacht und Ohnmacht. Die gebaute Ordnung der nationalsozialistischen Vernichtungslager
Foto von der Gedenkstätte Treblinka (Polen) 2007, Quelle: Wikimedia commons
18:00-20:00
online

Vortrag

Zwischen Allmacht und Ohnmacht. Die gebaute Ordnung der nationalsozialistischen Vernichtungslager

Annika Wienert

Zwischen März 1942 und Oktober 1943 ermordeten die Deutschen mindestens 1,7 Millionen Juden und Jüdinnen in den Gaskammern dreier Lager, die ausschließlich für diesen Zweck errichtet worden waren. Sie befanden sich in Bełżec, Sobibór und Treblinka, drei Ortschaften im besetzten östlichen Polen. Bei den Opfern handelte es sich in erster Linie um die jüdische Bevölkerung des sogenannten Generalgouvernements und des Bezirks Bialystok. Aber auch Menschen aus anderen europäischen Ländern und aus dem Deutschen Reich wurden in diese Vernichtungslager deportiert. Erstmals wurden Bauten erdacht und errichtet, die eigens zur massenhaften und regelmäßigen Tötung von Menschen dienten. Das gesamte Lager, in das diese Gaskammerngebäude eingebunden waren, kann als extreme Form einer Architektur der Ordnung verstanden werden. Es handelt sich um eine Architektur der radikalen Unter-Ordnung, nämlich unter den antisemitischen Vernichtungswahn, demzufolge Juden und Jüdinnen ausgelöscht werden müssen, um Ordnung in der Welt überhaupt erst herzustellen. Diese Grenzfälle von Architektur als Kategorie wurden bislang kaum in die Architekturgeschichtsschreibung einbezogen. Fasst man Architektur als raumorganisierende Struktur, wird deutlich, welche Bedeutung sie für den Massenmord hatte. In dem ständigen organisatorischen und baulichen Wandel, dem die Lager in der kurzen Zeit ihres Bestehens unterlagen, spielten sie eine wesentliche Rolle. An der grundsätzlichen Allmacht der Täter und der Ohnmacht der Opfer kann kein Zweifel bestehen. Da die drei Lager nicht in die Organisationsstruktur der Konzentrationslager eingebunden waren, hatten die Täter besondere Freiräume der Machtausübung. Da die Lager keine wirtschaftliche Funktion hatten, konnten die Opfer auf kein pragmatisches Kalkül hoffen, dass ihnen ein Weiterleben sicher könnte. Und dennoch finden sich in den Quellen immer wieder Hinweise darauf, wie die Allmacht der Täter an gewisse Grenzen stieß und die angestrebte Ordnung in Unordnung geriet, sowie darauf, wie sich Juden und Jüdinnen Handlungsräume nahmen: sowohl individuell und spontan als auch kollektiv und planmäßig. Die bewaffneten Aufstände der Gefangenen in Treblinka und Sobibór legen davon ein beeindruckendes Zeugnis ab.

Dr. Annika Wienert ist Referentin der Max Weber Stiftung – Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland. Im Sommersemester 2021 hat sie die Michael Hauck Gastprofessur für interdisziplinäre Holocaustforschung am Fritz Bauer Institut inne. Sie studierte Kunstgeschichte, Geschichte und Philosophie in Bochum und Krakau. 2014 promovierte sie an der Ruhr-Universität Bochum zum Thema „Das Lager vorstellen. Die Architektur der nationalsozialistischen Vernichtungslager in Belzec, Sobibór und Treblinka“ (Neofelis 2015). Die Arbeit wurde 2016 mit dem Theodor-Fischer-Preis für Architekturgeschichte des Zentralinstituts für Kunstgeschichte (München) und dem Marko Feingold Preis der Universität sowie Stadt und Land Salzburg ausgezeichnet. Von Februar 2015 bis August 2016 war sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Theorie und Geschichte von Architektur, Kunst und Design der Technischen Universität München und ist seit September als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Historischen Institut Warschau tätig. Ihr Forschungsinteresse gilt der Kunst und Architektur des 20. und 21. Jahrhunderts.

Der Vortrag war Teil der Ringvorlesung Gebaute Ordnung: Räume der Macht und hat in deutscher Sprache und virtuell stattgefunden. Die Veranstaltung wurde aufgezeichnet und steht auf vimeo.com zur Verfügung.