B 3 – Architekturen des algorithmischen Ordnens
From left to right: 1- Turing bomb at Bletchley Park (1945); 2- John McCarthy playing chess with a computer (1966); 3- ELIZA conversation program (1966); 4- URBAN 5 project (1973); 5&6- Seroussi pavilion proposal, Xefirotarch and biothing (2006); 7- Living Morphologies, supermanoeuvre (2009); 8- Cliff House, kokkugia (2012).

BEREICH B – Ordnen als Erkennen

B 3 – Architekturen des algorithmischen Ordnens

Nadja Gaudillière, Oliver Tessmann

Fachbereich Architektur der Technischen Universität Darmstadt

 

Computerbasiertes architektonisches Entwerfen hat seine Ursprünge in den 1960er Jahren. Lange vor dem digital turn der 1990er Jahre experimentierten Architekt_innen mit digitalen Werkzeugen, Programmier-sprachen und prozeduraler Gestaltung. Eine breite Anwendung computerbasierter Methoden im Entwurf wurde allerdings erst durch grafische Oberflächen möglich, die die Nutzung von komplexen Algorithmen für Gestalter_innen mit geringen IT-Kenntnissen ermöglichte. Gleichzeitig entwickelte sich eine neue Generation von Architekt_innen, die in der Lage ist ihre eigenen digitalen Werkzeuge zu programmieren. Dies führte zu einem regelrechten Ökosystem von Algorithmen und Plugins. Digitale Werkzeuge werden aus den praktischen Fragestellungen der Disziplin heraus entwickelt oder aus anderen Fachbereichen migriert. In beiden Fällen wird implizites Wissen von Architekt_innen in prozedurale Strukturen und Regeln überführt, die dann vom Computer ausgeführt werden.

Die neuen digitalen Werkzeuge werden nicht nur von ihren Entwickler_innen, sondern auch von weiteren Anwender_innen genutzt, und tragen damit zur Demokratisierung der Nutzung algorithmischer Entwurfsmethoden bei. Dabei leisteten sie gleichzeitig einem rationalistischen Entwurfsansatz Vorschub, weil sie quantitative Aspekte wie Materialeigenschaften und industrielle Herstellungsprozesse leichter abbilden können als subjektive Entwurfsentscheidungen. Der Gebäudeentwurf erscheint vermeintlich objektiver. Dies zeigt sich sowohl im sozio-historischen Netzwerk der Entwicklung als auch in der technischen Struktur und an den Schnittstellen und Oberflächen der algorithmischen Werkzeuge. Algorithmen verschwinden hinter ihren grafischen Benutzeroberflächen und werden zu Black Box-Systemen. Die vereinfachte Nutzbarkeit algorithmischer Werkzeuge verstellt den Blick auf die technischen und epistemologischen Verzerrungen, die die Rationalisierung und Quantifizierung des Entwerfens mit sich bringt. Zwar ist eine Vereinfachung der Anwendung für die Demokratisierung der computerbasierten Werkzeuge notwendig, doch sollte sie nicht die Vielfalt der architektonischen und kreativen Entwurfspraxis einschränken.

Das Projekt von Oliver Tessmann und Nadja Gaudillière zielt darauf ab, dieses Spannungsfeld durch die Entwicklung von Werkzeugen und Methoden zu erforschen, die eine Demokratisierung des computer-basierten Entwurfs ermöglichen, während gleichzeitig das Kernverständnis der Werkzeuge und der Modelle, auf denen sie aufgebaut werden, für Benutzer erkennbar bleibt. Damit soll die Fähigkeit zur Umsetzung von architektonischem Fachwissen in computerbasierte Entwurfsmodelle gestärkt werden. Die Forschung konzentriert sich auf drei Schlüsselbereiche: Die Hinterfragung der Natur der architektonischen Expertise durch die Untersuchung von impliziter und expliziter Wissensmobilisierung beim algorithmischen Entwurf; die Hinterfragung der Rolle von grafischen Oberflächen und Schnittstellen in unserem Verständnis von Werkzeug für den computerbasierten Entwurf; und die Hinterfragung der Möglichkeit der Modellierung für nicht explizite Wissensstrukturen.