C 1 – Parallel­projektion als ‚symbolische Form’
monadnock, axonometrische Ansicht des Nationalen Historischen Museums, Berlage Institut (Studie), 2010-11.

BEREICH C – Ordnen als Entwerfen

C 1 – Parallel­projektion als ‚symbolische Form’

Chris Dähne, Sara Hillnhütter, Barbara Wittmann

Kunsthistorisches Institut der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Institut für Kunstwissenschaft und Ästhetik der Universität der Künste Berlin

 

Die Geschichte der Zentralperspektive hat seit Erwin Panofskys berühmtem Aufsatz zur Perspektive als ‚symbolischer Form’ (Panofsky 1927) innerhalb wie außerhalb der Kunstgeschichte einige Aufmerksamkeit erhalten. Insbesondere in den letzten Jahrzehnten haben Kunsthistoriker_innen und Philosoph_innen im Anschluss an Panofskys These ausgiebig darüber diskutiert, in welcher Weise und mit welchen Wirkungen die Zentralperspektive den Status eines verbindlichen Modells der visuellen Wahrnehmung, des Bewusstseins oder der Subjektivität gewinnen konnte. Weitgehend unterbelichtet blieb in dieser Debatte, dass der Einsatz von Abbildungsstrahlen, die in einem Punkt konvergieren, sich keineswegs in allen Bereichen der Künste und Wissenschaften als privilegiertes Medium der Planung durchsetzen konnte. Primär etablierte sich die Perspektive in der Bildenden Kunst als (vermeintliches) Äquivalent zur einäugigen Raumwahrnehmung; in den Wissenschaften, den Ingenieurskünsten und der Architektur dominieren schon in der Frühen Neuzeit (und bis heute) verschiedene Formen von Parallelprojektion.

Das Teilprojekt zielt auf eine historisch möglichst breite, vergleichende Untersuchung der unterschiedlichen Formen der Parallelprojektion in Architektur, Kunst und (Ingenieurs-) Wissenschaften. Orthogonal-projektionen, Isometrien und alle anderen Verfahren der Parallelprojektion verlagern den Fluchtpunkt der Strahlen ins Unendliche, so dass die Projektionsstrahlen näherungsweise parallel verlaufen. Die so erzeugten Bilder gewährleisten eine größere Formtreue, indem sie die aus der Konvergenz der Projektionsstrahlen resultierenden maßverfälschenden Tiefendefekte der Fluchtpunktperspektive ausschalten. Parallelprojektionen bieten daher mehr oder weniger abstrakte räumliche Darstellungen, aus denen Maße direkt entnommen werden können. Es handelt sich also um operative Bilder, die unser Sehen, Denken und Handeln gleichermaßen ermöglichen wie herausfordern.

Das Forschungsvorhaben von Chris Dähne untersucht die Axonometrie als graphisches Verfahren der Raumordnung zwischen analogen und digitalen Medien. Auch zeitgenössische Architektur bedient sich des tradierten Verfahrens, dessen Rolle bei der Produktion von Architektur gerade vor dem Hintergrund der Digitalisierung zu hinterfragen ist. Inwieweit ist die Axonometrie generativ am Entwurfsprozess beteiligt und welche Rolle spielt der Computer dabei?

 

Bereits erschienene Veröffentlichungen zum Projektthema (Auswahl):

Werkzeuge des Entwerfens, hg. von Barbara Wittmann, Schriften des Internationalen Kollegs für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie, Bd. 30, Zürich: diaphanes, 2018.

Planbilder. Medien der Architekturgestaltung, hg. von Sara Hillnhütter, Bildwelten des Wissens, Bd. 11, Berlin: De Gruyter, 2015.

Dähne, Chris: „Die analogen Bilder digital entworfener Architektur“, in: Wolkenkuckucksheim|Cloud-Cuckoo-Land, Zeitschrift zur Theorie der Architektur: Mediale Praktiken des architektonischen Entwerfens, Heft Nr. 40, 2020 (im Druck).

C 2 – Umkämpftes städtisches Ordnen. Zeitgenössische Rekonstruktions­prozesse
Barocke Inszenierung auf dem Dresdner Neumarkt, Foto: Leonie Plänkers.

BEREICH C – Ordnen als Entwerfen

C 2 – Umkämpftes städtisches Ordnen. Zeitgenössische Rekonstruktions­prozesse

Nina Gribat, Leonie Plänkers

Fachgebiet Stadtplanung der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus – Senftenberg, Fachbereich Architektur der Technischen Universität Darmstadt

 

Thema des Teilprojekts ist die Analyse von städtebaulichen Ordnungsansätzen in zeitgenössischen Rekonstruktionsprozessen. Seit den frühen 1980er Jahren wurde im Rahmen der Internationalen Bauausstellung in Berlin mit dem Begriff der „kritischen Rekonstruktion“ im Städtebau eine lebhafte Debatte über das Verhältnis zu historischen Formen und Stadtgrundrissen geführt (Burg 1994, Hoffmann-Axthelm 1994, Klein/Sigel 2006). Aber auch frühere Diskurse seit Ende der 1960er Jahre (Berndt et al. 1969, Helms/Janssen 1971) und jüngere Debatten in den 2010er Jahren (Hassler/Nerdinger 2010, BMVBS 2010, von Buttlar et al. 2010) nehmen diese Fragestellung, die letztlich das Verhältnis von Architektur und Gesellschaft betrifft, in den Blick. Anders als Entwürfe, die eine neue städtebauliche Konfiguration entwickeln, beziehen sich Rekonstruktionen historisierend auf frühere städtebauliche Ordnungs-vorstellungen. Gebäudeensembles oder Stadtviertel werden in Anlehnung an historische Stadtgrundrisse, die entweder im Zuge einer früheren städtebaulichen Neuordnung abgerissen oder im Krieg zerstört wurden – oft mit wesentlichen Veränderungen – wiederaufgebaut.

Im Zentrum des Dissertationsprojekts von Leonie Plänkers steht die Erforschung der Wirkungen auf Stadt und Stadtgesellschaft, die die städtebaulichen Rekonstruktions-projekte der sogenannten „postmodernen Rekonstruktionswelle“ in ihrer Nutzungsphase entfalten. Den erhitzten Debatten vor der Realisierung, in denen facettenreiche Erwartungen an die Wirkung der Rekonstruktionsprojekte deutlich wurden, setzt das Vorhaben eine empirische Bestandsaufnahme entgegen. Es fragt, welche der Annahmen sich heute bestätigen lassen und welche neuen Alltagspraktiken, Ordnungen und Narrative die Rekonstruktions-projekte hervorbringen. Mit der Entwicklung eines angepassten methodischen Zugangs soll ein interdisziplinärer methodischer Fortschritt zur Erforschung dieser Wirkungen erzielt werden. Das Dissertationsprojekt möchte dabei nicht nur zur Qualifizierung der Debatten um rekonstruktive und historistische Planungen beitragen, sondern auch Erkenntnisse über die Wirkungsweisen von Architektur im Stadtraum allgemein erzielen.

C 3 – Architektonische Ordnungs­konzepte in künstlerischen Langzeit­projekten seit 1980
Mit der Kunst auf die Architektur schauen. Kunststudierende arbeiten außerhalb des CalArts Campus, 1971, Courtesy of the California Institute of the Arts Library Archives.

BEREICH C – Ordnen als Entwerfen

C 3 – Architektonische Ordnungs­konzepte in künstlerischen Langzeit­projekten seit 1980

Sina Brückner-Amin, Rembert Hüser

Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt am Main

 

Mit den scheinbaren Gewissheiten der Architektur geht seit jeher ihre grundlegende Kritik im Medium der Kunst einher. Dass Künstler gebaute Umwelten dekonstruieren und Gegenwelten bauen, die sich gerade nicht an die Regeln halten, sondern deren Trag- und Reichweite in alternativen Szenarien erproben und subvertieren, eröffnet die Möglichkeiten eines Dialogs, der nicht immer wahrgenommen wird. Die sich gegenseitig beeinflussenden Bereiche der Kunst und der Architektur laufen nicht selten konzeptuell sorgsam getrennt nebeneinander her.

Nun lässt sich spätestens seit den 2010er Jahren beobachten, dass in den Wissenschaften stärker konzeptuell eingeholt wird, was in einer ganzen Reihe von künstlerischen Arbeiten in den 1960er und 1970er Jahren bereits angegangen worden war: nämlich die jeweiligen Praxisfelder in so hohem Maße kopräsent zu halten, dass nicht mehr eindeutig auszumachen ist, in welchem Bereich der jeweilige Einsatz erfolgt. Nicht nur wird Kunst vor Ort verstärkt aus der Perspektive von Architektur angegangen, Kunst sieht sich auch und agiert in diesen Arbeiten explizit als ein Teil von Architektur (Wallace/Wendl 2013). Dass Ordnung stärker als Verbund verschiedener Medien, Institutionen und Praktiken denn als deren Differenz zu begreifen ist, ist im Bereich der Expanded-Media-Debatten der aktuelle Stand (Schüttpelz/Gießmann 2015, Michell 2017). Theoretische Explorationen des Verhältnisses von z.B. Architektur und Wissenschaft (Galison/Thompson 1999) oder Architektur und Comic Strips (van der Hoorn 2012) sind als Kollaborationen angelegt.

Vor diesem Hintergrund erscheinen künstlerische Langzeitprojekte seit den 1980er und 1990er Jahren besonders aufschlussreich, die nicht nur den radikalen Medienumbrüchen dieser Jahre, der gesellschaftlichen Popularisierung der Computertechnologie und kommerziellen Nutzung des Internets, der einsetzenden Digitalisierung aller Lebensbereiche Rechnung tragen, sondern sich mit beweglichen Bestandsaufnahmen in verschiedenen Praxisfeldern zugleich positionieren. Lassen sich diese Langzeitprojekte selbst als eine Geschichte der fortwährenden Kollisionen und Neuverhandlungen architektonischer und nichtarchitektonischer Ordnungsnarrative verstehen?

Das Projekt von Rembert Hüser untersucht am Beispiel der Zeichnungen und Filme von Heinz Emigholz (Architektur als Autobiographie, The Basis of Make Up), den Zeichnungen und Architekturmodellen von Mike Kelley (Educational Complex, Candor) und den Zeichnungen von Richard McGuire (Here, The New Yorker Magazine), wie und an welchen Stellen diese drei Langzeitprojekte vorangegangene künstlerische Projekte, die das Durchbrechen des Orthogonalen, der geordneten Schichten (Etagen) des Gebauten oder die Problematisierung der Grenzziehung eines Territoriums durch Architektur zum Thema gemacht hatten, neu akzentuieren.

Das Dissertationsvorhaben von Sina Brückner-Amin interessiert sich für die Bürokratisierung der Kunstpraxis im Universitätssystem von Los Angeles zwischen 1945-1970. Indem Konzepte des „masterplanning“ im legislativen, architektonischen und pädagogischen Bereich herausgearbeitet werden, bindet das Projekt kybernetische Theoriebildung und Rationalisierungstendenzen der Nachkriegszeit zurück an ihre materiellen Spuren und stellt dem Diskurs über die „experimentelle“ und „radikale“ Kunstausbildung in Kalifornien das Radikale der Ordnung entgegen. Die dreigliedrige Struktur ergibt sich aus dem untersuchten Material: Der Master Plan for Higher Education (1945–1960), die gebauten Architekturen der Kunstabteilungen der UCLA und des California Institute of the Arts sowie die darin praktizierte – und damit auch beeinflusste – Kunsterziehung.